header 04

„Systemsprenger“: Kind außer Kontrolle

Helena Zengel als Benni in einer Szene des Films „Systemsprenger“. Ihre Mutter wird gespielt von Lisa Hagmeister. Helena Zengel als Benni in einer Szene des Films „Systemsprenger“. Ihre Mutter wird gespielt von Lisa Hagmeister. FOTO: outnow.ch

Berührende Leinwand-Tour-de-Force jetzt auch im UCI Wilhelmshaven

Die neunjährige Benni hat einiges hinter sich: Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule, Psychiatrie. Egal wo sie hinkommt, fliegt sie sofort wieder raus.

Aber genau darauf legt sie es an. Das zierliche Mädchen mit der ungestümen Energie ist ein „Systemsprenger“. So werden Kinder genannt, die radikal jede Regel brechen, Strukturen konsequent verweigern und nach und nach durch alle Raster der Jugendhilfe fallen. Dabei will Benni nur Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mutter Bianca und den jüngeren Geschwistern leben. Doch die Mutter ist heillos überfordert und hat Angst vor der Unberechenbarkeit ihrer Tochter. Als es trotz aller Bemühungen keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint, versucht Anti-Gewalt-Trainer Micha, sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien.

“Systemsprenger“ läuft auf vielfache Nachfrage ab dem 3. Oktober auch im UCI Kino Wilhelmshaven. Nora Fingscheidts Spielfilmdebüt ist ein Film, der so kraftvoll und energisch daherkommt wie seine junge Protagonistin. Und obwohl man nicht anders kann, als mit Benni zu fühlen, ist es auch die Perspektive der Ämter und der Betreuer, die der Film einnimmt und deren Vertreter nie verteufelt, sondern verstanden werden.

„Systemsprenger,“ das klingt nach Revoluzzer, Aufruhr, einem Fall für den Verfassungsschutz. Aber selbst der wäre hier wohl machtlos. Im Fachjargon steht der Begriff nämlich nicht etwa für einen Feind des Grundgesetzes, sondern für ein Kind, das derart außer Kontrolle geraten ist, dass es das für solche Fälle gedachte System aus Jugendamt, Wohngruppen und Schulbegleitern schlichtweg sprengt. Auf den ersten Blick scheint die neunjährige Benni harmlos und liebenswürdig. Letztlich führen einem die Anfälle vor allem die eigene Hilflosigkeit vor Augen, denn im Kinosessel fühlt man sich irgendwann genauso machtlos wie die aufopferungsvolle Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) vom Jugendamt oder der toughe Schulbegleiter Michael Heller (Albrecht Schuch), der mit Benni sogar für drei Wochen in eine einsame Hütte im Wald fährt, damit sie dort vielleicht einmal zur Ruhe findet. In jedem Moment der Besinnung, der Einkehr, der Zärtlichkeit möchte man glauben, dass doch jetzt bestimmt wieder alles gut wird - und viele Filme hätten irgendwann einen dieser Augenblicke genutzt, um geschmeidig zu einem Happy End überzuleiten. Aber so leicht macht es Nora Fingscheidt sich, ihren Figuren und dem Zuschauer nicht. Hier gibt es keine Abkürzungen, nicht die eine Sache, die man nur richtig machen muss, damit alles wieder gut wird.

Klingt nach harter Kinokost - und ist es in gewisser Hinsicht auch, denn kalt lässt einen das Schicksal der Systemsprengerin ganz sicher nicht.

Letzte Änderung am Mittwoch, 02 Oktober 2019 09:09

Online-Services

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok